Freundschaft – Was bedeutet das heutzutage?

Freundschaft ist einer der Begriffe, deren Bedeutung sich aus meiner Sicht im Laufe der Zeit leider zum Schlechten verändert hat. Ich selbst habe ein wirkliches Problem mit dieser „neuen“ Definition, denn Freundschaft, Loyalität und Kameradschaft sind Eigenschaften, die in meiner Persönlichkeit ganz fest verankert sind. Diese Dinge sind für mich selbstverständlich und ich habe es in meiner Kindheit und Jugend auch so erleben dürfen. Leider bin ich aber scheinbar einer der wenigen, die das heute noch so sehen.

Welchen Anteil hat Facebook daran?

Einen großen Beitrag dazu hat Facebook geleistet. Daran ist aber nicht wirklich Facebook schuld, sondern die Menschen selber. Bei jeder technischen Neuheit kommt es ja immer darauf an, was man damit macht.
Man redet nicht mehr miteinander, sondern kommentiert Beiträge, die mehr als die Hälfte der Mitleser und Mitkommentierer nicht richtig verstehen. Was auch kein Wunder ist, denn das geschriebene Wort hat keinen Klang und sämtliche durch Betonung übermittelte Freude, Ironie und Trauer geht verloren.

Zum Geburtstag wird nur noch gratuliert, wenn man bei Facebook durch die Alarmtorte mit der Nase drauf gestoßen wird.
Keine Torte -> kein Geburtstag -> keine Gratulation. So einfach ist das! Gratuliert wird auch nicht durch einen kurzen Anruf, sondern durch einen Eintrag in der Chronik, sonst müsste man sich ja womöglich noch unterhalten. Ausserdem bekommt einen persönlichen Anruf ja niemand mit.
Das mag passend sein für Leute, die man nur durch Facebook kennt, aber nicht für Leute mit denen man schon Geburtstage gefeiert hat, die man „eigentlich“ Freunde nennt und die einem wichtig sind.

Vielleicht ist es ja auch viel cooler und wichtiger irgendwelchen gehypten „Internetstars“, Bloggern und Youtubern in Ihrer Chronik zu gratulieren. Das sehen dann ja immerhin andere Internetstars, die man noch nicht in seiner Freundesliste hat und denen kann man dann auch eine Freundschaftsanfrage schicken, die im Idealfall auch bestätigt wird.
Ich habe durch Facebook schon viele neue Leute „kennengelernt“ oder auch wiedergefunden. Man sollte aber die virtuelle Welt und die reale Welt nicht auf eine Stufe stellen oder der Annahme unterliegen, Facebook-Freunde wären genauso wichtig und wertvoll wie reale.

Wenn jeder nur an sich selbst denkt, ist ja an alle gedacht

Sind andere Leute nicht mehr wichtig!? Sind alle so mit sich selbst beschäftigt, dass für andere kein Platz mehr ist? Ist jeder nur noch sich selbst der Nächste?
Viele „genügen sich“ innerhalb ihrer Familie oder haben es schwer sich von Partner/in und Kindern zu lösen, um auch mal Zeit für Freunde zu haben. Oder sie haben sich mit Arbeit, Eigentum, Kinderbeschäftigung zu viel aufgeladen und sich selbst, die eigenen Bedürfnisse und erst Recht die Freunde dabei vergessen.
Natürlich gibt es auch solche, die einfach kein ehrliches Interesse an anderen Menschen haben und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Einer richtigen Freundschaft macht es nichts aus, wenn man sich ein paar Monate nicht sieht

Diesen Spruch hört man immer mal wieder. Und ich kann das auch akzeptieren, wenn ein Freund zur See fährt, mit einer Band auf Europatournee ist, auf einer Bohrinsel arbeitet, bei der Bundeswehr im Auslandseinsatz ist oder ähnliches.
Aber was für ein Grund gibt es, dass man sich über Monate nicht sieht, wenn ein Freund 3 Häuser weiter oder im nächsten Ort wohnt?

Man hört dann manchmal Dinge wie „Ich hatte viel um die Ohren“ oder „Ich habe es nicht geschafft“.
Für mich ist das mangelndes Interesse. 5 Minuten um mal anzurufen, eine WhatsApp-Nachricht oder eine E-Mail zu schreiben oder mich sonst wie zu melden, habe ich immer. Ich denke es ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Mensch einem nicht mehr wichtig ist und kein großes Interesse besteht, diesen noch regelmäßig in seinem Leben zu haben. Was dann damit gleichzusetzen ist, dass es keine Freundschaft mehr ist.

Zu einer Freundschaft gehört für mich am Leben des anderen Teil zu haben, da zu sein, wenn er jemanden braucht und Freudiges, wie auch Trauriges mit ihm teilen.

Wenn einer meine Hilfe braucht, dann kann er ja fragen

Auf der Beerdigung meiner Mutter hätte ich es schön gefunden, wenn der oder die „Freunde“, mit denen ich zu der Zeit viele gemeinsam Aktivitäten hatte, für mich da gewesen wären. Durch ihre bloße Anwesenheit oder zumindest einen Anruf an dem Tag hätte ich gewußt „wir sind bei dir“ oder „wir sind für dich da“. Leider kam da gar nichts. Als ich danach drauf angesprochen habe, sagten sie nur, ich hätte ja fragen oder anrufen können, wenn es mir damit nicht gut geht.
Aber es gibt Situationen im Leben, da fragt man nicht nach, da hofft oder erwartet man sogar, dass soetwas von alleine kommt.

Ich finde zu einer Freundschaft gehört es, seine Hilfe anzubieten. Ein „brauchst du meine Hilfe“ oder „kann ich dir dabei helfen“ ist für mich in einer Freundschaft selbstverständlich. Ausserdem gibt es Menschen, die fragen ungern nach Hilfe, weil sie sich störend vorkommen und gerade das, sollte ein langjähriger, aufmerksamer und interessierter Freund wissen und deshalb seine Hilfe auch mal anbieten und nicht drauf warten, ob er gefragt wird oder sogar darauf hoffen, dass er nicht gefragt wird.
Man muss sich aufeinander verlassen können, dass ein Freund da ist, wenn man ihn braucht.

Dafür grillen wir demnächst mal zusammen

Das kennt doch bestimmt jeder, man hilft jemandem und als Dank sagt derjenige: „Dafür grillen wir demnächst mal zusammen oder „wir gehen mal schön Essen“, aber leider hört man nie wieder etwas davon. Für mich gehören zu einer Freundschaft Aussagen, auf die man sich verlassen kann. Wenn mir jemand so etwas sagt, dann erwarte ich, dass es irgendwann auch passiert. Ich habe mittlerweile ein echtes Problem mit „Freunden“, die solche Aussagen tätigen und man eigentlich direkt weiß, dass da sowieso nie was nach kommen wird.

Wer Erwartungen hat, wird enttäuscht

Das ist wohl genau das Problem an all diesen Punkten: „Wer Erwartungen hat, wird enttäuscht“ In der heutigen Zeit, muss man seine Erwartungen um einiges herunterschrauben. Aber sind das dann noch richtige Freundschaften? Oder darf man in einer Freundschaft nichts erwarten?

Ich habe diese Problematik nach der letzten herben Enttäuschung mal recht drastisch auf Facebook publiziert:
„Wer mir gegenüber nicht loyal ist, wer meine Freundschaft nicht zu schätzen weiß, wer mich nicht so mag wie ich bin, wem ich als Mensch nicht wichtig bin, der hat in meinem Leben nichts zu suchen !“

Und so meine ich es auch. Ich habe inzwischen nach einigen Bemühungen Freundschaften irgendwie aufrecht zu erhalten, nach diesem Grundsatz radikal aussortiert. Denn natürlich sollte man Freundschaften pflegen, aber dabei nicht sich selbst vergessen. Und in dem man solche Leute aussortiert, hat man mehr Zeit sich Leuten zu widmen, die eine Freundschaft erwidern und es somit wert sind.

Aber was kann man nun selber tun ?

Den Spruch „Was du nicht willst, was man dir tu, das füge auch keinem anderen zu“ kennt ja bestimmt jeder. Und im Grunde genommen geht es genau darum. Man sollte sich die Frage stellen: „Bist du der Freund, den du selbst gerne hättest ?“ Bietest du deine Hilfe an, wenn du merkst jemand könnte sie gebrauchen ? Oder wartest du darauf, dass er fragt und bist froh, wenn er es nicht tut ? Bist du für jemanden da, wenn es ihm schlecht geht oder denkst du „Ich habe selber genug Probleme, da muss ich mir seine nicht auch noch aufladen“ ?

Jetzt in der Weihnachtszeit ist es eine gute Gelegenheit nicht nur an seine Familie, sondern auch mal an gute Freunde zu denken. Leute die einem wichtig sind, ein bisschen Aufmerksamkeit und Interesse schenken, sich zum Kaffee oder zum Glühwein verabreden. Sein Smartphone mal ausschalten und sich der realen Welt widmen, ein paar gute Gespräche führen, Stimmungen und Befindlichkeiten aufschnappen.
Es ist ein kleiner Balanceakt zwischen Erwartungen nicht zu hoch schrauben und trotzdem der Definition einer Freundschaft gerecht zu werden. Aber es lohnt sich, auch wenn man zwischendurch immer wieder mal enttäuscht wird. Irgendwann hat man Menschen gefunden, die so ticken wie man selbst und es kann sich eine echte Freundschaft entwickeln.
Und vielleicht nehmen sich genug Leute ein Beispiel daran, machen damit gute Erfahrungen und vielleicht bekommt man das „Jeder-ist-nur-mit-sich-selbst-beschäftigt-Ruder“ ja nochmal herumgerissen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle noch eine Zeit erleben werden, in der ein paar gute Freunde überlebenswichtig sind und die Leute merken werden, dass man, wenn es mal hart auf hart kommt, von 1000 Freunden bei Facebook rein gar nichts hat, aber von den paar wenigen, die einen an seinem Geburtstag anrufen oder zumindest dran denken, auch wenn sie nicht durch eine Statusmeldung und eine blinkende Torte daran erinnert werden!

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